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Dalai Lama
Geschichte eines Namens und Titels, einer göttlichen Manifestation und Wiedergeburt
 

© Andreas Gruschke






Die Persönlichkeit des 14. Dalai Lama und seine Rolle als tibetische Integrationsfigur täuschen darüber hinweg, dass sich die Bedeutung dieses Titels, seine Universalität und seine Inhalte nicht immer die gleichen waren, wie wir sie heutzutage kennen. Auch die ber die Medien verbreiteten Deutungen decken sich nicht immer mit jenen in Tibet selbst. Daher sollen hier einmal einige Hintergründe beleuchtet werden.
 

è Die Entstehung des Begriffs Dalai Lama: Geschichte und ursprüngliche Bedeutung
è Heutige Deutung des Titels Dalai Lama
è Bedeutung des Dalai Lama für die Tibeter (religiöser Kontext)
è Historischer Wandel in der Auffassung, welche Gottheit sich im Dalai Lama manifestiert
è Politische Bedeutung des Dalai Lamas früher und heute
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è Worte des Dalai Lama, Zitate aus: „Das Buch der Freiheit", der Autobiographie des 14. Dalai Lama
è Kurzbiographie und Artikel über den 14. Dalai Lama

 






Die Entstehung des Begriffs Dalai Lama: 

Geschichte und ursprüngliche Bedeutung 

1409 wurde  als  erstes  Kloster  der Gelugpa Ganden  gegründet  -  in  Ahnlehnung  an  den «Tushita»-Himmel  (tibet.  Ganden),  in  dem  der  zukünftige  Buddha  Maitreya residiert. In rascher Folge stifteten seine bedeutendsten Schüler die später zu riesigen Großklöstern heranwachsenden Klöster Drepung (1416) und Sera (1419) bei Lhasa sowie Tashilhunpo (1447) in Shigatse, der zweitgrößten Stadt Tibets. Die  Stärke  des  neuen  Ordens  lag  darin,  daß  die  Äbte  Gandens  durch  ihr schriftliches Wirken den Gelugpa zu hohem Ansehen und damit einem großen Zustrom  verhalfen, während  sich  die  rivalisierenden  Schulen  in  ständigen Kämpfen gegenseitig schwächten. Gedündup (1391-1475), einer der bedeutendsten Schüler Tsongkhapas, übernahm nach Tsongkhapas Tod die Führung des wegen der Farbe ihrer Zeremonialhüte meist «Gelbmützen» genannten Ordens.  Kurz vor seinem Tod offenbarte Tsongkhapa, daß seine beiden Hauptschüler, deren einer Gedündup war, sich reinkarnieren werden.

Die zweite Wiedergeburt Gedündups wurde in der Gestalt Sonam Gyatsos (1533-1588) zum Abt des  politisch bedeutsamen Klosters Drepung und de-facto-Oberhaupt der Gelugpa. Als er zur Einweihung des  Kumbum-Klosters an Tsongkhapas Geburtsort nach Amdo reiste, traf er 1578 mit dem mongolischen Fürsten Altan Khan zusammen, der sich - wohl auch durch die Förderung des Lamaismus durch die chinesischen Ming-Kaiser - zum Buddhismus hingezogen fühlte. Nach ihrem Zusammentreffen, bei dem der hohe tibetische Gelehrte den Mongolenfürsten endgültig zum tibetischen Buddhismus bekehrte, verlieh Altan Khan ihm - als Zeichen der Anerkennung - den Titel Dalai Lama (meist als «Ozean des Wissens» übersetzt). Sonam Gyatsos beiden Vorgängern wurde der Titel postum verliehen, so daß der dritte in der Reihe der Dalai Lamas diesen Titel als erster trug.

Die erneute Verbreitung des Lamaismus unter den Mongolen und deren militärische Unterstützung ermöglichten es der Gelugpa-Schule und dem 5. Dalai Lama Ngawang Losang Gyatsho (1617-1682), sich im 17. Jahrhundert politisch endgültig durchzusetzen und den bis ins 20. Jahrhundert hineinherrschenden tibetischen Kirchenstaat zu begründen. Es war namentlich der Mongolenfürst Gushri Khan, der den zentraltibetischen König Tsangpa Khan seiner  Macht beraubte und diese dem 5. Dalai Lama übertrug. Es entwickelte sich eine ungeheure  Dynamik, welche die rasche Ausdehnung des Gelbmützenstaates vorantrieb: Guge wurde erobert, das obere Ladakh besetzt, das der Gelugpa-Macht nur mit Hilfe einer kashmirischen Armee widerstehen konnte und seither unter der Oberherschaft des islamischen Kashmirs geblieben ist.

Der «Große Fünfte» Dalai Lama hatte mit seinem Besuch in China 1651-53 einen etwas  engeren  Kontakt  zur  Mandschu-Dynastie,  der  neuen  Macht  auf  dem chinesischen  Drachenthron, geknüpft. Die Dalai Lamas erkannten die weltliche Oberherrschaft der Kaiser in Beijing an, jene   wiederum   die   geistliche   Autorität   der   tibetischen Kirchenfürsten. Um eine größere Distanz zum chinesischen Kaiserhof zu erreichen, knüpfte der 13. Dalai Lama Thubten Gyatso (1876-1933) Kontakte zum russichen Zarenreich.

Dem 1938 in Amdo als neue Inkarnation des Dalai Lama entdeckte Tenzin Gyatso wurde in
Anbetracht des in Osttibet begonnenen Einmarsches der  chinesischen  Armee im Oktober 1950 fünfzehnjährig die Regierungsgewalt übertragen - wohl in der Hoffnung, die Verkörperung des Allbarmherzigen wäre am ehesten imstande, das nach fast vier Jahrzehnten de-facto-Unabhängigkeit Undenkbare doch noch abzuwenden. Aber vergeblich: Am 26. Oktober 1951 marschierten die chinesischen Truppen in Lhasa ein und eröffneten das bisher tragischste Kapitel in der tibetischen Geschichte, das ebenso von Mißverständnissen geprägt ist wie auch von menschlichen und politischen Tragödien.

 "Nach buddhistischem Glauben hat jedes Ereignis, jedes Geschehen,eine Ursache. (...) Es besteht kein Zweifel darüber, daß die gegenwärtige Misere, die Tragödie Tibets, Folge eines negativen Karmas meiner Generation ist. Das ist Ursache. Die Bedingungen hingegen entstanden in der letzten Generation. Die Tibeter reagierten nicht auf Veränderungen und Entwicklungen, die sich in der Welt, in Nachbarstaaten und vor allem in China vollzogen. Niemand kümmerte sich darum. Diese Bedingungen, gepaart  mit dem negativen Karma, führten in die gegenwärtige Situation."
(Tenzin Gyatso, 14. Dalai Lama
zitiert aus dem Kapitel "Der Träger der weißen Lotosblüte" (Dalai Lama, 1990, S. 16)
 

Ursprüngliche Bedeutung des 'Titels' Dalai Lama

Sönam Gyatso - d.h. der Name des erstmals so genannten, in der Reihenfolge aber als dritter aufgeführten Dalai Lamas - bedeutet »Meer an Verdiensten« oder »Tugenden«; der mongolische Ausdruck dalai war somit eine Übersetzung des Namens gyatso, den dieser Lama führte. 

(Zit. Alexandra David-Néel: "Unsterblichkeit und Wiedergeburt. Lehren und Bräuche in China, Tibet und Indien", München 2000, S. 113, Fußnote 3)
Die Kombination der Namensbedeutung "Ozean" von Dalai (bzw. Gyatso) mit der Bezeichnung Lama, die für einen gelehrten, mithin weisen Lehrer steht, führte zu der gängigen Deutung "Ozean der Weisheit", die jedoch somit eine spätere "Erfindung" darstellt.

Heutige Deutung des Titels Dalai Lama

Oberhaupt der tibetischen Buddhisten

Das ist der Dalai Lama eigentlich nicht und war es in diesem Sinne auch nie. Im Gegensatz zur katholischen Kirche gibt es in Tibet keine einheitliche 'kirchliche' Organisation mit einem 'Kirchenführer'. Jede Schulrichtung hat ihre eigene höchste Führungspersönlichkeit. Während der Dalai Lama mit Sicherheit als der bedeutendste geistliche Führer der Gelugpa (oft als die Schule der "Gelbmützen" bezeichnet) angesehen werden kann, ist er rein formal nicht einmal deren Oberhaupt - das ist nämlich der oberste Abt des Klosters Ganden bei Lhasa, der Ganden Thrizin. Das Amt des Dalai Lamas hatte sich jedoch zum politisch und religiös bedeutendsten entwickelt. Politisch ergab sich dies aus der Machtstellung der Dalai Lamas, vor allen Dingen des Großen Fünften und des 13. Dalai Lamas, während die religiöse auf seiner Sakralität als Manifestation Chanresigs (also des Bodhisattvas Avalokiteshvara) und damit seiner Bedeutung für die Gläubigen beruht.
 

Staatsoberhaupt aller Tibeter

Das Tibet der Dalai Lamas war keine Herrschaft über Territorium, sondern über Menschen.

Vgl. dazu z.B.: 

  • Alexandra David-Néel: "Über die Persönlichkeit des Dalai Lama ist viel geschrieben worden, in Wirklichkeit haben die Abendländer jedoch keine Vorstellung davon, was er eigentlich nach der orthodoxen Lehre des tibetischen Buddhismus ist. Unter den ausländischen Schriftstellern ist es üblich, dem Dalai Lama Titel wie »Lebendiger Gott«, »Reinkarnation Buddhas«, »Geistiger Führer aller Buddhisten« usw. zuzuschreiben. Ein Dalai Lama ist nichts von alledem. Er ist kein inkarnierter Gott, und Buddha, der in das Nirwana eingegangen ist, wird nicht wiedergeboren. Es gibt unter den Buddhisten niemanden, der einen dem Papst der katholischen Kirche vergleichbaren Platz einnähme. (...) Ein Buddhist in Ceylon hat kein Gefühl der Verehrung für den Dalai Lama. Er glaubt eher, daß dieser eine Art degenerierten Buddhismus verkünde, die mit der ursprünglichen Lehre des historischen Buddha, Siddharta Gautama, wenig gemein hat."
zitiert aus "Unsterblichkeit und Wiedergeburt. Lehren und Bräuche in China, Tibet und Indien" von Alexandra David-Néel, München 2000, S. 111f.


 

Bedeutung des Dalai Lama für die Tibeter 
(religiöser Kontext)

Der bedeutendste unter den Bodhisattvas ist ohne Zweifel Avalokiteshvara (tibet. Chenresi), der in Tibet mit der magischen Formel Om ma ni pad me hum angerufen wird. Als wirkende Kraft des Buddha Amitabha verkörpert er dessen Erbarmen und dessen Weisheit. In China wird er als Guanyin verehrt, im tibetischen Buddhismus als Chenresi, dessen irdische Verkörperung der Dalai Lama ist. 

"Om ma ni pe me hum" - mit diesem berühmtesten aller Mantras wird der "Allbarmherzige" angerufen - der Bodhisattva Chenresi, der den Gläubigen in der Verkörperung als Dalai Lama beisteht und ihnen Segen spendet. 
 

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Historischer Wandel in der Auffassung, 
welche Gottheit sich im Dalai Lama manifestiert

Es ist allgemein bekannt, dass der Dalai Lama als eine Manifestation des Bodhisattvas des unendlichen Mitgefühles, Chenresig aud tibetisch (Sanskrit Avalokiteshvara), gilt. Weniger bekannt ist jedoch, dass dies nicht von Beginn an so war, denn die Vorgänger des «Großen Fünften» galten noch als Inkarnationen des Bodhisattvas der Weisheit, Manjushri.
"Um 1650 hielt es der fünfte Dalai Lama, der inLhasa als weltlicher Herrscher eingesetzt worden war, für angezeigt, seine bevorzugte Stellung noch weiter zu erhöhen, indem er ihr das Prestige einer mystischen Verwandtschaft mit der Geisterwelt hinzufügte. Er erklärte, ihm »wohne« der Geist von Tschenresigs inne. 
Von einer »Wiedergeburt« kann hier nicht die Rede sein..."
(Zit. Alexandra David-Néel: "Unsterblichkeit und Wiedergeburt. Lehren und Bräuche in China, Tibet und Indien", München 2000, S. 115)
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Literaturhinweise: 

Ishihama, Y.: „On the Dissemination of the Belief in the Dalai Lama as a Manifestation of the Bodhisattva Avalokitesvara", in: Acta Asiatica, vol. 64 (1993), pp. 38-56

Lange, Kristina: „Manifestationen des Avalokitesvara und ihre Inkarnation in den Oberhäuptern der ‘Gelben Kirche’", in: Studia Asiae: Festschrift für Johannes Schubert, Supplement to „Buddhist yearly 1968", Halle, S.169-182
 


 
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Politische Bedeutung des Dalai Lama früher und heute

Das tibetische Großreich des Songtsen Gampo und der ihm nachfolgenden Großkönige hatte sich, wie wir gesehen haben, weit über das Hochland bis in die indische Gangesebene, nach Westchina und ins östliche Turkestan ausgedehnt. Späterhin jedoch war das Reich zerfallen und war erst unter mongolischer Oberherrschaft wieder halbwegs zusammengefügt worden. selbst in den Zeiten der größten Gelbmützenmacht war die Herrschaft des Dalai-Lama-Ordens politisch nie mehr auf das ganze Hochland ausgedehnt worden. Als Beispiel noch in Zentraltibet sei Sakya genannt, der im Gelbmützenstaat der Dalai Lamas bestand und wo letztere zwar die Oberhoheit de jure besaßen, in Sakya aber faktisch nichts zu sagen hatten. Zwar erfreute er sich unter der Herrschaft des mandschurischen Kaiserhauses im Chinesischen Kaiserreich erneut wachsender Bedeutung, doch die realen Machtverhältnisse ermöglichten die Kontrolle des Gelbmützenstaates tatsächlich nur im west-, zentral- und südtibetischen Raum - also dort wo wir heutzutage die Autonome Region Tibet finden. Hier endlich hatte dann auch 1914 bis 1950 das de facto unabhängige Tibet existiert.
 
 
 
 
 
 
 
 

 
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Im Februar 1940 war der 14. Dalai Lama im Alter von fünf Jahren inthronisiert worden. Schon in seiner Ausbildungszeit spiegelten sich in Lhasa die großräumig sich anbahnenden Konflikte wider, sei es sozialpolitischer Art, sei es die Spannung zwischen Tradition und der sich an Tibet „herantastenden" Moderne. Im Jahre 1947 kam es zur Revolte der Mönche von Reting und Sera, die sich gegen den Konservatismus der feudalistischen Lamaschichten richtete. Es ist vielleicht nicht unmöglich, daß ihre prochinesische Haltung - zumindest wurde ihnen von den zentraltibetischen Behörden eine solche vorgeworfen - auf Einzelerfahrungen mit den Kommunisten zu tun hatte. Denn immerhin waren die aus Südchina vor den Truppen Chiang Kaisheks geflüchteten Rotarmisten auf ihrem „Langen Marsch" durch beträchtliche Teile des osttibetischen Hochlandes gezogen, wo sie von Teilen der Bevölkerung unterstützt worden waren. Aus diesem Grund hatte Mao beispielsweise schon 1936 im Bairi-Kloster (Baili Si, rund zehn Kilometer westlich von Kandse) die Einrichtung einer autonomen Böpa-(i.e. tibetischen Verwaltung Boba Zhengfu vorgenommen. Der die Rotarmisten unterstützende Tulku des Klosters freilich fiel 1950 einem Anschlag von Freischärler in Chamdo zum Opfer.  Die Ausrufung der VR China am 1.Oktober 1949 und das erklärte Ziel der chinesischen Kommunisten, die Souveränität über ganz Tibet wiederherzustellen, zog als Antwort am 26.Januar 1950 die Erklärung der tibetischen Unabhängigkeit nach sich. Die Fronten hatten sich endgültig herausgebildet...

Bereits im Oktober 1950 begann die kommunistische VBA in Osttibet einzumarschieren. Die Voraussetzungen hierfür waren für die chinesische Seite günstig, da sie die östlichen Teile Khams ohnehin schon seit einer Weile kontrollierte. Um die Handlungsfähigkeit der zentraltibetischen Regierung in Lhasa sicherzustellen, wurde die Regierungsgewalt am 17.11. 1950 dem erst fünfzehnjährigen 14.Dalai Lama übertragen. Etwa einen Monat später zog er sich wegen des chinesischen Vormarsches ins Chumbi-Tal zurück und sandte eine tibetische Delegation nach Beijing. Seine Abgesandten wurden angeführt vom ehemaligen Generalgouverneur von Kham, Ngapo Ngawang Jigme, der schon zu Beginn des chinesischen Vormarsches einmal gefangengenommen worden war.

Im April 1951 reiste auch der Panchen Lama auf Einladung des chinesischen Ministerpräsidenten Zhou Enlai nach Beijing. Unter dem positiven Eindruck von Mao Zedongs Formulierung, „Tibet in die große Völkerfamilie Chinas heimzuholen", allerdings auch unter dem Eindruck der massiven Überlegenheit der Truppen des geeinten China, kam es am 23. Mai 1951 in Beijing zum Abschluß des „17-Punkte-Abkommens" zwischen der Regierung in Beijing und den zentraltibetischen Behördenvertretern. Nach chinesischer Auffassung war damit die „friedliche Befreiung Tibets" vollzogen. Der Artikel 3 des Abkommens versprach den Tibetern örtliche Autonomie: Die tibetische Regierung in Lhasa blieb unter der Auflage, notwendige gesellschaftliche und politische Reformen selbständig durchzuführen (Artikel 4 und 11) in Amt und Würden. Eine andere Bestimmung des Abkommens (Artikel 7) sicherte Religionsfreiheit und den Schutz der Klöster zu.

Die zunächst entspannte Lage veranlaßte den Dalai Lama im August 1951 zur Rückkehr nach Lhasa, im Februar 1952 reiste auch der Panchen Lama von Beijing nach Shigatse zurück. Als Demonstration der nun herrschenden Machtverhältnisse marschierte die VBA am 9.September 1951 in Lhasa ein. Proteste Tibets bei den Vereinten Nationen und in Indien, Großbritannien und den USA brachten keine Veränderung der politischen Lage. Der Souveränitätsanspruch der VR China wurde vielmehr bald darauf durch das chinesisch-indische Abkommen von 1954 gestärkt, in dem die Indische Union Tibet als einen Teil Chinas anerkannte. Zum Feier des fünfjährigen Bestehens der jungen chinesischen Volksrepublik reisten im August 1954 der Dalai Lama und der seit 1944 im Amt befindliche Panchen Lama nach Beijing, wo sie mit Mao, Nehru und UN-Generalsekretär U Nu zusammentrafen. Weitere bedeutende Kontakte wurden 1956 in Delhi geknüpft, als sie anläßlich des 2500jährigen Jubiläum von Buddhas Geburtstag erneut mit Nehru und Zhou Enlai zusammentrafen. Ob diese Gespräche insgesamt zu Fortschritten für die politische Lage Tibets führten, läßt sich schwer sagen; auf jeden Fall aber wurde im April 1956 ein vorbereitendes Komitee zur Errichtung einer Autonomen Region Xizang (Tibet) ins Leben gerufen.

Ein Partisanenheer mit der Eigenbezeichnung „Freiwillige Armee zur Verteidigung des Glaubens und Tibets" begann seinen Untergrundkampf in Kham, wo   trotz der Zusagen im „17-Punkte-Abkommen" chinesische Zwangsmaßnahmen zu sozialistischen Reformen durchgeführt wurden. Im August 1954 nahm die Khampa-Revolte im südlichen Kham ihren Ausgang und erreichte 1955/56 in der "Kanting"-Rebellion in Chamdo einen ersten traurigen Höhepunkt. Die Unruhen griffen im März 1959 auf Lhasa und Zentraltibet über, wo der offene Aufstand vom 18. bis 22. März 1959 durch chinesische Truppen niedergeschlagen wurde. Der Flucht des Dalai Lama folgte unmittelbar der Exodus von 50-100.000 Menschen, der für Tibet einen gewaltigen Aderlaß bedeutete, zumal sich unter den Flüchtlingen ein beträchtlicher Teil der geistlichen und politischen Führungselite befand. Den Daheimgebliebenen oblag nun die doppelte Last, eine Gesellschaftsstruktur, die auch vom Dalai Lama bereits als reformbedürftig angesehen wurde, zu überwinden, als auch sich mit einer fremden Ideologie - dem chinesischen Marxismus-Leninismus - und der den lamaistischen Gläubigen in vielen Dingen fremdgebliebenen Vorstellungswelt der chinesischen Nachbarkultur auseinanderzusetzen.

Am 26.März 1959 bildete der Dalai Lama im grenznahen Lhuntse eine Exilregierung, während Zhou Enlai zwei Tage später den Kashag in Lhasa auflösen ließ, um unter dem früheren Minister Ngapo Ngawang Jigme und dem Panchen Lama als Vorsitzendem eine neue Regierung für Zentraltibet zu bilden. Xizang, das bis dahin de-facto-selbständige Tibet, wurde in fünf Bezirke und die Munizipalität Lhasa eingeteilt und der Militärverwaltung Südwest (Chengdu) zugeordnet. Die bewaffneten Aufstände in Tibet dauerten die 60er Jahre hindurch bis in die 70er Jahre hinein an. Überfälle tibetischer Partisanen erfolgten vom benachbarten Mustang aus, einem tibetischen Distrikt in Nord-Nepal, wo die Partisanen 1974 entwaffnet wurden. Bis in die jüngste Zeit waren die nepalesischen Behörden deshalb äußerst restriktiv bei der Genehmigung einer Besuchserlaubnis für Ausländer, die in diese latent unruhigen Gebiete reisen wollten: Noch bis 1991 war beispielsweise Mustang Ausländern verschlossen geblieben, während der Tourismus in Zentraltibet schon über ein Jahrzehnt vorher eingesetzt hatte.

Die Ereignisse in Tibet wurden inzwischen jedoch nicht mehr allein durch den Konflikt zwischen der Souveränität beanspruchenden Zentrale in Beijing, ihren ausführenden Kadern und Militärs sowie tibetischen Nationalisten bestimmt. Die wirtschaftlichen Fehlentscheidungen Maos und die zunehmende Polarisierung innerhalb der Partei führten zu Beginn der 60er Jahre zu heftigen innerparteilichen Flügelkämpfen, die sich vor allem dann schlimm für Tibet auswirkten, wenn die orthodoxen Kräfte die Oberhand gewannen. Sie richteten sich vehement gegen den noch immer vorhandenen Einfluß des lamaistischen Klerus, dessen oberster in Tibet gebliebener Repräsentant, der Panchen Lama, am 31. Dezember 1964 in seiner Funktion als Vorsitzender des Verwaltungsausschusses in Tibet abgesetzt und von Ngapo Ngawang Jigme abgelöst wurde. Die Demontage der tibetischen Staatskirche wurde damit fortgesetzt: Waren 1959 von ursprünglich rund 200.000 Mönchen noch über die Hälfte in ihren Ämtern, so wurden zu Beginn der 60er Jahre viele von ihnen nicht nur aus Ämtern, sondern auch aus Klöstern vertrieben. Der Panchen Lama wurde von den orthodoxen Kommunisten verhaftet und nach Beijing in Gewahrsam genommen - in „Staatspension" geschickt, wie die offizielle Formulierung lautete. Es mutet eher zynisch an, daß ausgerechnet zu der Zeit, als Zentraltibet der Status einer Autonomen Region (Xizang Zizhiqu) zuerkannt wurde (9.September 1965), eine autonome Selbstverwaltung quasi endgültig verunmöglicht wurde. Zu Beginn der Kulturrevolution, in der ein wütender Bildersturm seinen Vernichtungsschlag gegen die tibetische Kultur führte, war ein Großteil der Mönche bereits aus den Klöstern vertrieben, der lamaistische Klerus - jahrhundertelang Last, aber auch Stützpfeiler der alten Gesellschaft Tibets - ins Abseits gedrängt und das Volk seiner beiden bedeutendsten Integrationsfiguren beraubt: der Dalai Lama im indischen Exil und der Panchen Lama in Beijing unter Arrest.
 
 


 
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Der Dalai Lama und die Exiltibeter

Nach dem mißlungenen Aufstand von 1959 flüchteten rund  hunderttausend Tibeter über die tibetische Südgrenze und fanden dort überwiegend  auch Aufnahme. In Indien leben etwa 85000 Tibeter im Exil, weitere 11000 in  Nepal, 2500 in Bhutan und ca. 3000 im westlichen Ausland, wo die Schweiz die  größte exiltibetische Gemeinde außerhalb Asiens aufgenommen hat. Der Dalai  Lama begann damals sein Werben um Unterstützung für die Sache seines  Volkes und Staates, und tatsächlich setzten sich einige Länder ein. Im Oktober 1959  stellte die Internationale Juristenkommission Untersuchungen über die  Vorgänge in Tibet seit 1951 an und lastete den Chinesen in zwei Gutachten Akte des Völkermordes an. Dies führte zwar zu einem verbalen Protest der Weltöffentlichkeit, der aber keinerlei konkrete Handlungen und keinen politischen Druck auf Beijing zur Folge hatte. Inwiefern tatsächlich Möglichkeiten einer direkten Einflußnahme bestanden, ohne die Gefahr  eines überregionalen militärischen Konfliktes heraufzubeschwören, ist jedoch  bis heute schwer zu sagen.

Im Jahre 1960 wurde die im nordindischen Bundesstaat Himachal  Pradesh gelegene Stadt Dharamsala zur neuen Residenz des Dalai Lama und  der tibetischen Exilregierung, die sich neben der Weiterverfolgung  politischer Ziele um die Ansiedlung tibetischer Flüchtlinge und die Ausbildung deren  Kinder kümmerte. Damit hatte die politische Arbeit der ehemaligen tibetischen Machthaber begonnen, eine sozialreformerische, die Gesellschaft neu  ordnende Komponente in den Mittelpunkt ihrer Aufgaben zu setzen. Gerade die schwierige Situation in den Auffanglagern der südasiatischen Nachbarn  hatte ein schnelles Handeln dringend erforderlich gemacht. Anfangs mußten  sich viele Tibeter als Straßenbauarbeiter in Nordindien verdingen, um  überleben zu können. Auf Initiative des Dalai Lama begannen die indische und die exiltibetische Regierung ihre Zusammenarbeit beim Aufbau  landwirtschaftlicher Siedlungen für die Flüchtlinge, in denen neben medizinischen  Versorgungsstationen und Schulen auch Werkstätten und handwerkliche  Kleinindustrie aufgebaut wurden. Berühmt geworden sind seither die von den  Exiltibetern in alle Welt exportierten Teppiche, die von den Touristen sehr geschätzten Thangkas (Rollbilder), Holzschnitzereien u.a. Die 1963 verkündete (provisorische) Verfassung trug dem Reformbedarf der alten tibetischen Gesellschaftsordnung Rechnung, indem sie nach den Grundsätzen einer westlichen Demokratie aufgebaut wurde. Ihre Absichten sind nicht allein  darauf ausgerichtet, die alten Traditionen, die religiöse und materielle Kultur  Tibets zu bewahren, sondern auch für „den kulturellen religiösen und  wirtschaftlichen Fortschritt" 52 des tibetischen Volkes Sorge zu tragen. Damit hat die tibetische Gesellschaft ihre Perseveration - die ständig auf Beharrung ausgerichteten Momente - ihrer alten Gesellschaftsordnung im Exil  aufgegeben.

Da die wesentlichsten Ausprägungen der tibetischen Kultur religiöser  Natur sind, haben gerade die Gründungen von Klöstern und Zentren für  tibetische Studien, Medizin usw. eine außerordentliche Bedeutung für die Pflege  der traditionellen Werte und Anschauungen der Exiltibeter. Rund 150  lamaistische Tempel und Klöster sind von den tibetischen Flüchtlingen in ihren  Gastländern aufgebaut wurden, und durch das klösterliche Zusammenleben der über  6000 exiltibetische Mönche und Nonnen sind nicht nur die traditionellen  Bauformen über das eigentliche Hochland hinaus verbreitet worden, sondern auch  das Gedankengut des tantrischen Buddhismus. Die esoterischen Inhalte des lamaistischen Glaubens vermögen auf der Welt immer mehr Menschen zu beeindrucken, welche sich zunehmend von der  naturwissenschaftlich-logisch und rein pragmatisch orientierten, materialistischen westlichen  Zivilisation im Stich gelassen fühlen. Davon zeugen die über hundert buddhistischen  Zentren, die es inzwischen in Nordamerika und Europa gibt.

Die neue Umgebung, die in den Gastländern auf die Exiltibeter einwirkt,  konnte nicht ohne Spuren in ihrer Gesellschaft bleiben. Zum einen wurden die wirtschaftlichen Aktivitäten über die Subsistenz hinaus an der Möglichkeit  von Handel und Export orientiert. Rund ein Fünftel aller Exiltibeter sind bis  heute als Händler und Geschäftsleute selbständig erwerbstätig geworden, und  gerade die zahlreichen Klosterstiftungen, wie wir sie in der Umgebung der buddhistischen Heiligtümer der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu  finden - wie Bodhnath und Swayambhunath - bestätigen uns, daß sie erfolgreich  sind.

Das Erziehungs- und Ausbildungssystem hat sich auf die Gegebenheiten  der modernen Welt eingestellt, so daß sich die Tibeter in ihren Studien nicht  mehr allein auf die altüberlieferten Lehrtraditionen stützen, sondern die Wissenschaftlichkeit westlicher Prägung darin ebenfalls mit einbeziehen.  Im „Tibetischen Medizinzentrum" in Dharamsala beispielsweise  konzentrieren sich die Ärzte nicht mehr nur auf heilpraktische Tätigkeiten, sondern sie  leisten überdies wichtige Forschungsarbeit in der Analyse der chemischen Zusammensetzung der Heilmittel, um sie im Rahmen  naturwissenschaftlicher Erkenntnisse einordnen zu können. Die 1959 ins Leben gerufene  „Tibetische Musik-, Tanz- und Dramagesellschaft" fördert den Erhalt der  traditionellen Folklore, die auch außerhalb religiöser Aktivitäten von einer großen Reichhaltigkeit ist, und bei deren weiterer Entwicklung werden Elemente nicht-tibetischer Kulturen - wie etwa der gastgebenden Aufnahmeländer  - gewiß nicht ganz ohne Einfluß bleiben. Gleichfalls ist das Leben der  Mönche und Nonnen im Exil vom Dalai Lama reformiert worden, so daß sie heute  neben ihren religiösen Aktivitäten auch auf dem Feld arbeiten, so wie es  heutzutage eine große Zahl von Mönchen bei ihren Familien im heimatlichen Tibet  tun... 


 
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Die Verbündeten der Dalai Lamas in der Geschichte

3. Dalai Lama: Mongolen unter Altan Khan
5. Dalai Lama: Mongolen unter Gushri Khan
7-12. Dalai Lama: Mandschu-Kaiserhaus
13. Dalai Lama: Briten in British India
14. Dalai Lama: der Westen



 
 
 
 

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Nach wachsenden Unruhen in Tibets Osten und dem Aufstand von 1959 floh der Dalai Lama, gefolgt von Zigtausenden, ins indische Exil. Dort hat er sich seither mit der Exilregierung im nordindischen Himalaya-Städtchen Dharamsala eingerichtet und versucht durch eine Demokratisierung der Exilgemeinde, durch Lehre und persönliches Vorbild für die Sache Tibets einzutreten. Und ist formell Oberhaupt der Regierung. Doch wird seine politische Macht für gewöhnlich überschätzt. Viel größer als diese ist sein Einfluß auf die öffentliche Meinung weltweit, der neben der allgemeinen Sympathie für die Tibeter auf seine lobenswerten und schönen, politisch jedoch sehr fern liegenden Visionen zurückzuführen ist. Daß ich diese Ziele für weit in der Ferne liegend, die Möglichkeit der Umsetzung der Visionen teilweise für „unrealistisch" halte, liegt zum einen natürlich bedingt an den politischen Verhältnissen in China und an der politischen Praxis allgemein, zum andern aber auch an den Widersprüchen, die sich aus den Visionen einerseits und dem (scheinbaren?) politischen Pragmatismus andererseits ergeben.(1)
An den Visionen des Dalai Lama, in Tibet eine waffenfreie Friedenszone zu schaffen, und seine Heimat in eine Region umzuwandeln, in der nicht nur die Ökologie, sondern auch die fundamentalen Menschenrechte und die demokratischen Freiheiten des tibetischen Volkes (und der anderen Völkerschaften dort wahrscheinlich auch, hoffe ich doch) kann niemand ernsthaft etwas auszusetzen zu haben. So großartig diese Visionen aber sind, so sehr sollte man sich in Erinnerung rufen, daß dies Ziele sind, die die westlich bestimmte Welt sie schon seit langem auf ihre Fahnen geschrieben hat; und daß sie uns wahrscheinlich um so großartiger erscheinen, weil sie keineswegs für den Großteil der Welt um so näher gerückt sind je länger wir darüber redeten. Andere Punkte in des Dalai Lamas „Fünf-Punkte-Friedensplan" sind aus allgemeinmenschlicher Sicht und dem gesunden Menschenverstand nach ebenso verständlich und nachvollziehbar. Für den Leser oder Hörer aber implizieren sie wiederum ein ganz bestimmtes Bild von Vorgängen und der Situation in Tibet, die aufgrund der Informationslage im Westen eindeutig scheinen, aber keineswegs immer so eindeutig sind. Sie suggerieren, daß es bislang in der VR China keinerlei Tendenzen gegeben habe, zumindest in manchen dieser Punkte auf diese Ziele hinzuarbeiten. Nehmen wir beispielsweise die ökologische Situation: während alle Welt China ausschließlich Ausbeutungswünsche unterstellt, wurden in Tibet Beschränkungen in der Forstpolitik gesetzlich verankert, Naturschutzgebiete eingerichtet, die Nuklearfabrik am Kokonor-See, über die im Westen unter der berühmt-berüchtigten Bezeichnung „Neunte Akademie" bis heute berichtet wird, obwohl sie bereits 1987 geschlossen wurde u.a. mehr.  D.h. daß die Vision in meinen Augen suggeriert, einem solchen Ziel stünde - mehr oder weniger - ausschließlich die bisherige chinesische Herrschaft entgegen. Sie vernachlässigt den sehr wichtigen Aspekt, daß bereits in diese Richtung eingeschlagene Wege (Ausweisung einer großen Zahl von Naturschutzgebieten im tibetischen Hochland, Umweltgesetzgebung, Maßnahmen zur Eindämmung von exzessiver Abholzung und Überweidung; eine zwar äußerst langsame, aber durchaus auf den Weg gebrachte „Verrechtlichung" des gesellschaftlichen Lebens in der VR China) gerade auch von den Tibetern nicht automatisch angenommen werden. Die ‘visionären Werte’ waren in der tibetischen Bevölkerung niemals in der Art verwurzelt wie es das westliche Tibetbild vermittelt - in Tibet nicht und auch bei den meisten im Exil nicht.
Auch nach meiner Meinung klingen die Veränderungen in Tibet/China besser, als sie umgesetzt werden, allerdings werden - ob von der Exilregierung, westlichen Medien oder wem auch immer - derartige Nachrichten bei uns überhaupt oft unterdrückt, statt sich in neuer Art und Weise mit der veränderten Perspektive auseinanderzusetzen. Ich konnte mich in Dharamsala persönlich davon überzeugen, daß viele dieser Veränderungen dort durchaus bekannt sind, zumindest bei einem Teil der Führung. Die Nachricht darüber zu unterdrücken, kann aber nur - wie bei uns - kurzfristigen politischen Zielen dienen und verstellt bei der Weltöffentlichkeit den Blick auf die Probleme, die natürlich nach wie vor existieren, aber völlig anders gelagert sind und deswegen ganz andere Lösungsansätze fordern. Auch ein zwischen Peking und dem Dalai Lama unterschriebener Fünf-Punkte-Plan würde zunächst einmal wenig an Wilderei (2),  der durchaus auch Tibeter nachgehen, an Überweidung durch tibetische Nomaden, an der von einer jungen tibetischen Bevölkerung als notwendig empfundenen wirtschaftlichen Entwicklung im westlichen Sinne (!) ändern.
Gleichzeitig gibt es aber auch die angesprochenen Probleme, die aber nur mit den Chinesen und nicht gegen sie gelöst werden können. Nehmen wir einmal den zweiten Punkt des im ersten Hinsehen als pragmatisch aufgefaßten  „Fünf-Punkte-Friedensplans": die Beendigung der Umsiedlung von chinesischen (gemeint ist: von „rassisch" den Han zugehörigen) Volkszugehörigen nach Tibet. Auch hier ein massives Informationsdefizit. Ungeachtet des Umstandes, daß auch ich die Überfremdung tibetischer Städte in Zentraltibet für ein ernsthaftes Problem halte, ist bei den meisten der Blick darauf verstellt ist, daß inzwischen ein Großteil dieser Chinesen aus eigener Initiative und nicht infolge staatlich gelenkter Umsiedlung dorthin geht. Im Völkerrecht nennt man die Ermöglichung solcher Wohnmobilität „Freizügigkeit", die gerade auch in der Menschenrechtskonvention festgeschrieben ist und innerhalb eines Staates gegeben sein soll. D.h., den Zuzug von Chinesen nach Lhasa zu beschränken, bedeutet, zumindest solange Tibet im chinesischen Staatsverband besteht, eine Forderung nach Beschränkung dieses Menschenrechtes. Kraß gesagt etwa so, wie wenn der Zuzug von Deutschschweizern ins rätoromanische Graubünden beschränkt werden sollte. Damit will ich mich gewiß nicht für das Argument stark machen, hier solle nichts geschehen, aber ich möchte ausdrücken, die Lösung für solche Probleme sind auch hier nicht immer so einfach wie sie aussehen. 
Ähnliches betrifft die „Millionen" von Chinesen im tibetischen Hochland - eine Zahl, die m.E. außer durch den natürlichen Zuwachs nur dadurch so riesig wird, weil 1. zu Groß-Tibet Gebiete hinzugerechnet werden, die außer vielleicht zur ‘imperialen Zeit’ der Könige Songtsen Gampo und Trisong Detsen vor über einem Jahrtausend kein tibetisches Siedlungsgebiet waren; 2. fast ein Dutzend anderer nationaler Minderheiten, die im und am Rand des tibetischen Hochlandes als „Chinesen" klassifiziert werden (insbesondere die muslimischen Hui und Salar, aber auch die Bao’an, Dongxiang, die Yi und Qiang, Tu, Kasachen und Mongolen, während meines Eindrucks nach die Naxi, Pumi, Moso und Lhopas zwar traditionell eher als Tibeter aufgefaßt, ihre Bevölkerungs-zahlen dann aber doch entsprechend der chinesischen Statistik den „Chinesen" zu gerechnet werden [3]).  Sie alle sind keine Han, die wir im Westen als „die Chinesen" bezeichnen, haben ihre Siedlungsgebiete seit Jahrhunderten in den betreffenden Regionen des tibetischen Hochlandes und unterscheiden sich auch sprachlich, kulturell u.a. in vieler Hinsicht sowohl von Han als auch Tibetern. Millionen dieser Angehörigen von nationalen Minderheiten würden in einem Groß-Tibet leben, das die Exiltibeter fordern und von dem der Dalai Lama spricht, nicht aber von diesen Minderheiten. Mit diesem „Minder-hei-ten-problem" wird sich auch niemand auseinandersetzen, solange sich der Westen nicht differenzierend mit dem gesamten tibetischen Kulturraum und seinen aus dieser Komplexität (und eben nicht nur der Politik) resultierenden Problemen auseinandersetzt. Tibet auf dem Gebiet, das die Exiltibeter einfordern, wäre - wie die VR China, ein Vielvölkerstaat, und zwar auch ohne die eingewanderten Han-Chinesen. Daß dies nicht wahrgenommen wird, ergibt sich aus dem Widerspruch zwischen Realität und dem „Mythos Tibet", an dem der Westen so krampfhaft festhält und der von den Exiltibetern - weil er ihren Zwecken zu dienen scheint - gepflegt wird.
Ein weiterer wesentlicher Widerspruch wird kaum offenbar, weil der in den letzten Jahren immer deutlicher zutage tretende Pragmatismus - wenn wir die Gesprächsbereitschaft des Dalai Lamas gegenüber den Chinesen einmal so nennen wollen - die lange von ihm ebenfalls vertretenen Maximalforderungen der Exilregierung überdeckt. Wer jedoch die Aussagen Seiner Heiligkeit bei öffentlichen Auftritten aufmerksam mit dem vergleicht, was in der 1990 erschienenen zweiten Autobiographie geschrieben steht, kann diese Widersprüche nicht mehr übersehen. Sie sind teilweise so vehement, daß einem der Verdacht kommen könnte, viele der Zeilen stammen eher aus fremden Federn, sei es von „Beratern" oder exiltibetischen Kreisen als aus dem Munde des Dalai Lamas. Wahrscheinlich muß er teilweise Standpunkte vertreten, die die Exilregierung für die einzig richtigen und möglichen hält, um die tibetische Sache vorwärtszubringen, obwohl sie seinen religiösen Anschauungen widersprechen. Oft auch war schon die Rede davon, daß er sich selbst als einfachen Mönch sieht und sich gerne aus der Politik zurückziehen würde. Für mich ein deutliches Zeichen dafür, daß die angesprochenen Widersprüche ihm zu schaffen machen, da er  die genannten Positionen vertritt, um ein Auseinanderbrechen des Konsens in der Exilgemeinde zu verhindern - selbst wenn dabei manche seiner buddhistischen Anschauungen zwangsläufig korrumpiert werden. Das ist allerdings dann das günstigste Szenario, das man zu seinen Gunsten entwickeln kann.
Das persönliche Anliegen des Dalai Lamas ist nach seinen Worten die Botschaft, daß nur Gewalt-losigkeit zum Frieden führt und daher mit den Chinesen Frieden geschlossen werden muß - notfalls unter Aufgabe der tibetischen Unabhängigkeit, aber unter Garantie der größtmöglichen Autonomie des ganzen Tibet. Hier hat er die ursprüngliche Vision eines unabhängigen ‘Großtibet’ (das auf die imperiale Zeit aufbaut) aus pragmatischen Gründen auf ein sehr viel realistischer wirkendes Nahziel zurückgenommen. Doch schon dieses Zugeständnis verschafft ihm harsche Kritik „radikaler" Tibeter [4],  und vor allem (!) aus den Reihen westlicher Tibetfreunde. Aus diesem Grunde ist die Umsetzung der Vision schon wieder in weitere Ferne gerückt, weil ihm bei Teilen seiner eigenen Anhängerschaft die Unterstützung fehlt. Darüber hinaus werden unter seinem Namen Texte verbreitet (wie seine Autobiographie „Das Buch der Freiheit") in dem die scheinbar aufgegebenen Positionen („ein künftiges freies Tibet", S.398) gleichzeitig mit den neuen Zielen vertreten werden. Für die chinesische Seite macht er sich damit unglaubwürdig, da diese nicht berücksichtigen kann oder will, zu welchen Gratwanderungen er durch seine Rolle als Symbolfigur eigentlich gezwungen ist. Außerdem ist es für jeden neutralen Beobachter fragwürdig, gleichzeitig einander widersprechende Positionen einnehmen zu wollen.
Die zunehmende gesellschaftliche Differenzierung unter den Exiltibetern hat den vom Dalai Lama mühsam aufrechterhaltenen Konsens aber schon längst in Frage gestellt. Ein Anzeichen dafür waren und sind die Auseinandersetzungen in der Dorje-Shugden-Frage [5],  die von Teilen der Gesellschaft dem Dalai Lama angelastet wurden. Es ist jedoch kein Wunder, daß die Spannungen innerhalb einer Gesellschaft zunehmen, die sich in erster Linie als Hüterin der Tradition und somit in erster Linie konservativ zeigt, bei gleichzeitiger Aufnahme moderner Konzepte (Demokratie) und dem Umstand, ständig dieser westlich geprägten Welt ausgesetzt zu sein. Der Widerspruch, den der Dalai Lama hier verkörpert, ist somit mehr von seiner Umwelt und den Erwartungen, die sie an ihn heranträgt verkörpert, als durch seine eigene Haltung, die vor dem unlösbaren Problem steht, extrem konservative und progressive oder moderne Elemente in sich zu vereinigen: aus der konservativen Tradition heraus ist ihm die Rolle eines geistigen und politischen Führers auferlegt und gleichzeitig sind ihn die Moderne als demokratisch legitimiertes Oberhaupt der Exilregierung. Dabei wird vom oft so aufmerksamen Westen übersehen, daß religiöse Hierarchien nirgendwo nach demokratischen Spielregeln entschieden werden, daß Religion per se eher undemokratisch ist. Hier muß der Dalai Lama selbst bei bestem eigenen Willen zwangsläufig in Konflikte und in die Schußlinie geraten, wie es auch im Falle Dorje Shugdens geschehen ist.[6]  Das demokratische Selbstverständnis unserer eigenen Länder hegt keinerlei Zweifel, daß Politik und Religion auseinandergehalten werden müssen, bei der demokratischen Verfassung der Exiltibeter mit ihrem religiösen Führer Dalai Lama an der Spitze akzeptieren wir dagegen die Quadratur des Kreises.
Darüber erzeugen auch religiös-doktrinäre Fragen Spannungen im Exil. Die heutzutage vom Dalai vertretene „Ideologie" des tibetischen Buddhismus rührt nicht zuletzt von der Auseinandersetzung mit dem sog. „buddhistischen Modernismus" her, einer Neuinterpretation des Buddhismus als eine im wesentlichen rationale Religion, die Vorstellungen der Art, daß er eine natürliche Grundlage für die unterschiedlichsten sozialen Reformen biete, an ihn knüpft. Entstanden aus der engen Verbindung mit dem Antikolonialismus und Nationalismus, der sich vor allem in den ehemaligen britischen Kolonien Südasiens entwickelt hatte, ist diese Interpretation nicht originär tibetisch, sondern hat erst nach dem Gang ins Exil auf die Tibeter, insbesondere die tibetische Geistlichkeit, zu wirken begonnen. Diese hehren Ziele eines neuen, in seinen Zügen bereits veränderten tibetischen Buddhismus vertritt der 14. Dalai Lama offiziell, ohne daß die Mehrzahl der Gläubigen ihm hierin gänzlich folgt. Wenn daher in unseren Medien manchmal davon berichtet wird, daß manche junge Tibeter „inzwischen" gewaltbereit seien und einen bewaffneten Befreiungskampf um Tibet zu eröffnen bereit sind, liegt dies nicht daran, daß sie von alten, vom Dalai Lama vertretenen Idealen abfallen; nein, die Gewalt ist in der tibetischen Geschichte nichts Neues, auch wenn viele im Westen dies nicht wahrhaben wollen. So hat wahrscheinlich auch der Umstand, daß sich der Dalai Lama von der religiösen Praxis um Dorje Shugden distanziert hat, mindestens bei Exiltibetern in Südindien auch zu gewalttätigen Ausschreitungen gegen manche Dorje-Shugden-Anhän-ger (oder von deren Seiten) geführt.
Von vielen Getreuen im Westen jedoch wird der ganz wesentliche Punkt übersehen, daß mit neuen Werten auch Vorstellungen Eingang ins tibetisch-buddhistische System gefunden haben, die von den historischen politischen Traditionen Tibets grundverschieden sind. Vor allem auf der alltäglich-praktischen Ebene, denn entgegen den hehren weltanschaulichen Ansprüchen der Reli-gion war der Buddhismus in Tibet ja in hohem Maße politisch, da er das politische Alltagsgeschäft bestimmte. Dieser Umstand wird bei den Exiltibetern weniger deutlich, zumal der Dalai Lama zwar eigentlich das geistige und weltliche Oberhaupt darstellt, aber mehr als Integrationsfigur denn als Machthaber wirken will. Gleichzeitig wird die tibetische Gesellschaft Veränderungen unterworfen, die durch die Auseinandersetzung mit dem westlichen Tibet-Bild ausgelöst wurden. Der Westen nämlich sieht im Dalai Lama das geistliche Oberhaupt aller Tibeter; tatsächlich aber war im alten Tibet zwar der politische Führer und ein hoher geistlicher Würdenträger, rein formell aber nicht einmal der geistliche Führer des Gelugpa-Ordens (dies ist der Ganden Trizin), geschweige denn jener aller tibetischer Buddhisten. Da dies der tibetischen Sache im Exil zu dienen scheint, existieren nun Tendenzen, ihn zu dem zu machen, wofür der Westen ihn hält (und was der „Große Fünfte" Dalai Lama bereits umzusetzen begonnen hatte), und was neue Widersprüche in der tibetischen Gesellschaft auszulösen geeignet ist.
Auf diese Weise wird der Dalai Lama zum Sündenbock für (fast) alle, die anders als er denken: für die chinesische Führung, die eigene Fehler nicht wahrnehmen will, allemal, für gewaltbereite Traditionalisten und natürlich die von ihm abgelehnten Dorje-Shugden-Anhänger. Welche Ironie, daß gleichzeitig auch noch die Meinung vertreten wird, der Dalai Lama strebe die „Weltherrschaft" als Chakravartin an! Nun hat man wieder einmal die Wahl zwischen den allergrößten Extremen: bescheidenes Opfer oder schlimmer Täter. Und statt sich mit diesen Meinungen kontrovers auseinanderzusetzen, um der Sache, warum eigentlich solche extremen Meinungen aufkommen können, auf den Grund zu gehen, wird wahrscheinlich wieder mit gleicher Münze ‘heimgezahlt’. Wenn jedoch die verschiedenen Gemeinschaften - und da sind wir als ‘der’ Westen ebenso gefordert - nicht endlich lernen, auch über die massivsten Meinungsverschiedenheiten, die größten Probleme offen zu reden, anstatt alles immer nur auf die Haltung „Da stecken mal wieder die Chinesen dahinter!" zu reduzieren, tut niemand der exiltibetischen Gesellschaft einen Gefallen. Nun wird der Dalai Lama im Westen schon so lange bewundert, und doch hat kaum jemand die an ihm bewunderte Fähigkeit (die er auf Druck von Seiten seiner Exilregierung nicht voll umsetzen kann) - zu integrieren, statt zu polarisieren - zu lernen versucht. Und solange die Situation so bleibt, werde ich glauben, daß die in der Öffentlichkeit kundgetanen Visionen des Dalai Lamas keine realistische Chancen haben. 
Wir konnten ja in den letzten Jahren leider erleben, wie sich die Fronten mit Beijing weiter verhärtet haben, und das hat auch mit der polarisierenden Herangehensweise des Westens zu tun, und zwar nicht der Politik, sondern gerade auch eines beträchtlichen Teils der tibetfreundlichen Öffentlichkeit, die China zu ‘dämonisieren’ versucht. Viele der Vorgänge in jüngster Zeit in Tibet, die wieder zunehmende politische Repression durch chinesische (bzw. chinesisch-tibetische) Behörden kann und darf nicht gerechtfertigt werden. Doch man muß auch einmal aussprechen dürfen, daß die Art, wie die chinesische Seite ‘dämonisiert’ wird, hieran sicher auch nicht ohne Schuld ist. Und hier tragen exiltibetische Körperschaften und westliche Scharfmacher m.E. die meiste Verantwortung. Diese ‘Dämonisierung’ Chinas, die letztlich von der Seite der betroffenen im Reich der Mitte ebenso mit der Person des Dalai Lamas verbunden wird, so wie der Westen alles Positive in ihn hineinprojiziert, macht letztlich das visionäre Ziel eines einigen, unabhängigen und friedlichen Tibet unmöglich. Solange nicht wir - statt des Dalai Lamas - uns bewegen, glaube ich zudem, daß auch durchaus mögliche Verbesserungen in immer noch problematischen Bereichen blockiert, wenn nicht gar verhindert werden. 
Ich hoffe, es ist deutlich geworden, daß meine Meinung, die Visionen des Dalai Lamas seien zur Zeit sehr irrational, nicht nur mit ihm, sondern auch viel mit den Verhältnissen im Exil, in Tibet selbst - früher und heute - aber gerade auch mit uns im Westen zu tun hat, mit unserem teilweise selbst erschaffenen Tibetbild.
Andreas Gruschke
[1]  Um nicht falsch verstanden zu werden, möchte ich noch vorab betonen, daß dies keinerlei Bewertung der Visionen des Dalai Lamas und der Ziele der Exiltibeter bedeuten soll, sondern eine Beurteilung der politischen Situation, die sich daraus ergeben hat sowie meiner durchaus persönlich motivierten Suche nach eventuellen Lösungen des Tibet-Problems. Die meisten meiner Argumente kann ich aus Platzgründen hier leider nicht ausführen, weshalb ich auf manche meiner eigenen Artikel verweisen muß. Bei Aufforderung kann ich jedoch die eine oder andere Problematik später genauer ausführen.
[2] Vgl. meinen Artikel „Changthang - Nationalpark auf dem Dach der Welt" und „Überwachung als eines der grössten Probleme", in: Tibet aktuell, Nr. 54, Januar 1998, S. 8-10
[3] Vgl. meinen Artikel „Demographie und Ethnographie im Hochland von Tibet", in: Geographische Rundschau, 49 (1997), Heft 5, S. 279-286 bzw. entsprechende Kapitel in „Tibet. Weites Land auf dem Dach der Welt", Freiburg 1993.
[4] Allerdings gibt es auch Gerüchte aus Dharamsala, daß der Dalai Lama selbst den Präsidenten des Tibetan Youth Congress zur Einnahme eines ‘hard-liner’-Standpunktes aufgefordert habe. 
[5] Vgl. meinen Artikel „The Dorje Shugden issue: A changing society’s clash with stereotyped perceptions", in: Tibetan Review, vol. XXXIII No.10 (October 1998), pp.15-19.
[6] a.a.O.




 
 



 
 

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