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TibetInfoPage
Die
weiterführende Tibet-Informationsseite
Dalai Lama
Geschichte eines Namens und Titels, einer göttlichen
Manifestation und Wiedergeburt
Die Persönlichkeit des 14. Dalai
Lama und seine Rolle als tibetische Integrationsfigur täuschen darüber
hinweg, dass sich die Bedeutung dieses Titels, seine Universalität
und seine Inhalte nicht immer die gleichen waren, wie wir sie heutzutage
kennen. Auch die ber die Medien verbreiteten Deutungen decken sich nicht
immer mit jenen in Tibet selbst. Daher sollen hier einmal einige Hintergründe
beleuchtet werden.
| è Die Entstehung des Begriffs Dalai Lama: Geschichte und ursprüngliche Bedeutung |
| è Heutige Deutung des Titels Dalai Lama |
| è Bedeutung des Dalai Lama für die Tibeter (religiöser Kontext) |
| è Historischer Wandel in der Auffassung, welche Gottheit sich im Dalai Lama manifestiert |
| è Politische Bedeutung des Dalai Lamas früher und heute |
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| è Worte des Dalai Lama, Zitate aus: „Das Buch der Freiheit", der Autobiographie des 14. Dalai Lama |
| è Kurzbiographie und Artikel über den 14. Dalai Lama |
Die Entstehung des Begriffs Dalai Lama:Geschichte und ursprüngliche Bedeutung1409 wurde als erstes Kloster der Gelugpa Ganden gegründet - in Ahnlehnung an den «Tushita»-Himmel (tibet. Ganden), in dem der zukünftige Buddha Maitreya residiert. In rascher Folge stifteten seine bedeutendsten Schüler die später zu riesigen Großklöstern heranwachsenden Klöster Drepung (1416) und Sera (1419) bei Lhasa sowie Tashilhunpo (1447) in Shigatse, der zweitgrößten Stadt Tibets. Die Stärke des neuen Ordens lag darin, daß die Äbte Gandens durch ihr schriftliches Wirken den Gelugpa zu hohem Ansehen und damit einem großen Zustrom verhalfen, während sich die rivalisierenden Schulen in ständigen Kämpfen gegenseitig schwächten. Gedündup (1391-1475), einer der bedeutendsten Schüler Tsongkhapas, übernahm nach Tsongkhapas Tod die Führung des wegen der Farbe ihrer Zeremonialhüte meist «Gelbmützen» genannten Ordens. Kurz vor seinem Tod offenbarte Tsongkhapa, daß seine beiden Hauptschüler, deren einer Gedündup war, sich reinkarnieren werden.Die zweite Wiedergeburt Gedündups wurde in der Gestalt Sonam Gyatsos (1533-1588) zum Abt des politisch bedeutsamen Klosters Drepung und de-facto-Oberhaupt der Gelugpa. Als er zur Einweihung des Kumbum-Klosters an Tsongkhapas Geburtsort nach Amdo reiste, traf er 1578 mit dem mongolischen Fürsten Altan Khan zusammen, der sich - wohl auch durch die Förderung des Lamaismus durch die chinesischen Ming-Kaiser - zum Buddhismus hingezogen fühlte. Nach ihrem Zusammentreffen, bei dem der hohe tibetische Gelehrte den Mongolenfürsten endgültig zum tibetischen Buddhismus bekehrte, verlieh Altan Khan ihm - als Zeichen der Anerkennung - den Titel Dalai Lama (meist als «Ozean des Wissens» übersetzt). Sonam Gyatsos beiden Vorgängern wurde der Titel postum verliehen, so daß der dritte in der Reihe der Dalai Lamas diesen Titel als erster trug. Die erneute Verbreitung des Lamaismus unter den Mongolen und deren militärische Unterstützung ermöglichten es der Gelugpa-Schule und dem 5. Dalai Lama Ngawang Losang Gyatsho (1617-1682), sich im 17. Jahrhundert politisch endgültig durchzusetzen und den bis ins 20. Jahrhundert hineinherrschenden tibetischen Kirchenstaat zu begründen. Es war namentlich der Mongolenfürst Gushri Khan, der den zentraltibetischen König Tsangpa Khan seiner Macht beraubte und diese dem 5. Dalai Lama übertrug. Es entwickelte sich eine ungeheure Dynamik, welche die rasche Ausdehnung des Gelbmützenstaates vorantrieb: Guge wurde erobert, das obere Ladakh besetzt, das der Gelugpa-Macht nur mit Hilfe einer kashmirischen Armee widerstehen konnte und seither unter der Oberherschaft des islamischen Kashmirs geblieben ist. Der «Große Fünfte» Dalai Lama hatte mit seinem Besuch in China 1651-53 einen etwas engeren Kontakt zur Mandschu-Dynastie, der neuen Macht auf dem chinesischen Drachenthron, geknüpft. Die Dalai Lamas erkannten die weltliche Oberherrschaft der Kaiser in Beijing an, jene wiederum die geistliche Autorität der tibetischen Kirchenfürsten. Um eine größere Distanz zum chinesischen Kaiserhof zu erreichen, knüpfte der 13. Dalai Lama Thubten Gyatso (1876-1933) Kontakte zum russichen Zarenreich. Dem 1938 in Amdo als neue Inkarnation des
Dalai Lama entdeckte Tenzin Gyatso wurde in
"Nach buddhistischem Glauben hat jedes Ereignis, jedes Geschehen,eine Ursache. (...) Es besteht kein Zweifel darüber, daß die gegenwärtige Misere, die Tragödie Tibets, Folge eines negativen Karmas meiner Generation ist. Das ist Ursache. Die Bedingungen hingegen entstanden in der letzten Generation. Die Tibeter reagierten nicht auf Veränderungen und Entwicklungen, die sich in der Welt, in Nachbarstaaten und vor allem in China vollzogen. Niemand kümmerte sich darum. Diese Bedingungen, gepaart mit dem negativen Karma, führten in die gegenwärtige Situation."
Ursprüngliche Bedeutung des 'Titels' Dalai Lama Sönam Gyatso - d.h. der Name des erstmals so genannten, in der Reihenfolge aber als dritter aufgeführten Dalai Lamas - bedeutet »Meer an Verdiensten« oder »Tugenden«; der mongolische Ausdruck dalai war somit eine Übersetzung des Namens gyatso, den dieser Lama führte. Die Kombination der Namensbedeutung "Ozean" von Dalai (bzw. Gyatso) mit der Bezeichnung Lama, die für einen gelehrten, mithin weisen Lehrer steht, führte zu der gängigen Deutung "Ozean der Weisheit", die jedoch somit eine spätere "Erfindung" darstellt. |
Heutige Deutung des Titels Dalai LamaOberhaupt der tibetischen BuddhistenDas ist der Dalai Lama eigentlich nicht und war es in diesem Sinne auch nie. Im Gegensatz zur katholischen Kirche gibt es in Tibet keine einheitliche 'kirchliche' Organisation mit einem 'Kirchenführer'. Jede Schulrichtung hat ihre eigene höchste Führungspersönlichkeit. Während der Dalai Lama mit Sicherheit als der bedeutendste geistliche Führer der Gelugpa (oft als die Schule der "Gelbmützen" bezeichnet) angesehen werden kann, ist er rein formal nicht einmal deren Oberhaupt - das ist nämlich der oberste Abt des Klosters Ganden bei Lhasa, der Ganden Thrizin. Das Amt des Dalai Lamas hatte sich jedoch zum politisch und religiös bedeutendsten entwickelt. Politisch ergab sich dies aus der Machtstellung der Dalai Lamas, vor allen Dingen des Großen Fünften und des 13. Dalai Lamas, während die religiöse auf seiner Sakralität als Manifestation Chanresigs (also des Bodhisattvas Avalokiteshvara) und damit seiner Bedeutung für die Gläubigen beruht.Staatsoberhaupt aller TibeterDas Tibet der Dalai Lamas war keine Herrschaft über Territorium, sondern über Menschen.Vgl. dazu z.B.:
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| Bedeutung des Dalai
Lama für die Tibeter
(religiöser Kontext) Der bedeutendste unter den Bodhisattvas ist ohne Zweifel Avalokiteshvara (tibet. Chenresi), der in Tibet mit der magischen Formel Om ma ni pad me hum angerufen wird. Als wirkende Kraft des Buddha Amitabha verkörpert er dessen Erbarmen und dessen Weisheit. In China wird er als Guanyin verehrt, im tibetischen Buddhismus als Chenresi, dessen irdische Verkörperung der Dalai Lama ist. "Om ma ni pe me hum"
- mit diesem berühmtesten aller Mantras wird der "Allbarmherzige"
angerufen - der Bodhisattva Chenresi, der den Gläubigen in der Verkörperung
als Dalai Lama beisteht und ihnen Segen spendet.
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Historischer Wandel in
der Auffassung,
Es ist allgemein bekannt, dass der
Dalai Lama als eine Manifestation des Bodhisattvas des unendlichen Mitgefühles,
Chenresig aud tibetisch (Sanskrit Avalokiteshvara), gilt. Weniger bekannt
ist jedoch, dass dies nicht von Beginn an so war, denn die Vorgänger
des «Großen Fünften» galten noch als Inkarnationen
des Bodhisattvas der Weisheit, Manjushri.
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Literaturhinweise:
Ishihama, Y.: „On the Dissemination of the Belief in the Dalai Lama as a Manifestation of the Bodhisattva Avalokitesvara", in: Acta Asiatica, vol. 64 (1993), pp. 38-56 Lange, Kristina: „Manifestationen
des Avalokitesvara und ihre Inkarnation in den Oberhäuptern der ‘Gelben
Kirche’", in: Studia Asiae: Festschrift für Johannes Schubert, Supplement
to „Buddhist yearly 1968", Halle, S.169-182
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Politische Bedeutung des Dalai Lama früher und heuteDas tibetische Großreich des Songtsen Gampo und der ihm nachfolgenden Großkönige hatte sich, wie wir gesehen haben, weit über das Hochland bis in die indische Gangesebene, nach Westchina und ins östliche Turkestan ausgedehnt. Späterhin jedoch war das Reich zerfallen und war erst unter mongolischer Oberherrschaft wieder halbwegs zusammengefügt worden. selbst in den Zeiten der größten Gelbmützenmacht war die Herrschaft des Dalai-Lama-Ordens politisch nie mehr auf das ganze Hochland ausgedehnt worden. Als Beispiel noch in Zentraltibet sei Sakya genannt, der im Gelbmützenstaat der Dalai Lamas bestand und wo letztere zwar die Oberhoheit de jure besaßen, in Sakya aber faktisch nichts zu sagen hatten. Zwar erfreute er sich unter der Herrschaft des mandschurischen Kaiserhauses im Chinesischen Kaiserreich erneut wachsender Bedeutung, doch die realen Machtverhältnisse ermöglichten die Kontrolle des Gelbmützenstaates tatsächlich nur im west-, zentral- und südtibetischen Raum - also dort wo wir heutzutage die Autonome Region Tibet finden. Hier endlich hatte dann auch 1914 bis 1950 das de facto unabhängige Tibet existiert. |
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| Der Dalai Lama
und die Exiltibeter
Nach dem mißlungenen Aufstand von 1959 flüchteten rund hunderttausend Tibeter über die tibetische Südgrenze und fanden dort überwiegend auch Aufnahme. In Indien leben etwa 85000 Tibeter im Exil, weitere 11000 in Nepal, 2500 in Bhutan und ca. 3000 im westlichen Ausland, wo die Schweiz die größte exiltibetische Gemeinde außerhalb Asiens aufgenommen hat. Der Dalai Lama begann damals sein Werben um Unterstützung für die Sache seines Volkes und Staates, und tatsächlich setzten sich einige Länder ein. Im Oktober 1959 stellte die Internationale Juristenkommission Untersuchungen über die Vorgänge in Tibet seit 1951 an und lastete den Chinesen in zwei Gutachten Akte des Völkermordes an. Dies führte zwar zu einem verbalen Protest der Weltöffentlichkeit, der aber keinerlei konkrete Handlungen und keinen politischen Druck auf Beijing zur Folge hatte. Inwiefern tatsächlich Möglichkeiten einer direkten Einflußnahme bestanden, ohne die Gefahr eines überregionalen militärischen Konfliktes heraufzubeschwören, ist jedoch bis heute schwer zu sagen. Im Jahre 1960 wurde die im nordindischen Bundesstaat Himachal Pradesh gelegene Stadt Dharamsala zur neuen Residenz des Dalai Lama und der tibetischen Exilregierung, die sich neben der Weiterverfolgung politischer Ziele um die Ansiedlung tibetischer Flüchtlinge und die Ausbildung deren Kinder kümmerte. Damit hatte die politische Arbeit der ehemaligen tibetischen Machthaber begonnen, eine sozialreformerische, die Gesellschaft neu ordnende Komponente in den Mittelpunkt ihrer Aufgaben zu setzen. Gerade die schwierige Situation in den Auffanglagern der südasiatischen Nachbarn hatte ein schnelles Handeln dringend erforderlich gemacht. Anfangs mußten sich viele Tibeter als Straßenbauarbeiter in Nordindien verdingen, um überleben zu können. Auf Initiative des Dalai Lama begannen die indische und die exiltibetische Regierung ihre Zusammenarbeit beim Aufbau landwirtschaftlicher Siedlungen für die Flüchtlinge, in denen neben medizinischen Versorgungsstationen und Schulen auch Werkstätten und handwerkliche Kleinindustrie aufgebaut wurden. Berühmt geworden sind seither die von den Exiltibetern in alle Welt exportierten Teppiche, die von den Touristen sehr geschätzten Thangkas (Rollbilder), Holzschnitzereien u.a. Die 1963 verkündete (provisorische) Verfassung trug dem Reformbedarf der alten tibetischen Gesellschaftsordnung Rechnung, indem sie nach den Grundsätzen einer westlichen Demokratie aufgebaut wurde. Ihre Absichten sind nicht allein darauf ausgerichtet, die alten Traditionen, die religiöse und materielle Kultur Tibets zu bewahren, sondern auch für „den kulturellen religiösen und wirtschaftlichen Fortschritt" 52 des tibetischen Volkes Sorge zu tragen. Damit hat die tibetische Gesellschaft ihre Perseveration - die ständig auf Beharrung ausgerichteten Momente - ihrer alten Gesellschaftsordnung im Exil aufgegeben. Da die wesentlichsten Ausprägungen der tibetischen Kultur religiöser Natur sind, haben gerade die Gründungen von Klöstern und Zentren für tibetische Studien, Medizin usw. eine außerordentliche Bedeutung für die Pflege der traditionellen Werte und Anschauungen der Exiltibeter. Rund 150 lamaistische Tempel und Klöster sind von den tibetischen Flüchtlingen in ihren Gastländern aufgebaut wurden, und durch das klösterliche Zusammenleben der über 6000 exiltibetische Mönche und Nonnen sind nicht nur die traditionellen Bauformen über das eigentliche Hochland hinaus verbreitet worden, sondern auch das Gedankengut des tantrischen Buddhismus. Die esoterischen Inhalte des lamaistischen Glaubens vermögen auf der Welt immer mehr Menschen zu beeindrucken, welche sich zunehmend von der naturwissenschaftlich-logisch und rein pragmatisch orientierten, materialistischen westlichen Zivilisation im Stich gelassen fühlen. Davon zeugen die über hundert buddhistischen Zentren, die es inzwischen in Nordamerika und Europa gibt. Die neue Umgebung, die in den Gastländern auf die Exiltibeter einwirkt, konnte nicht ohne Spuren in ihrer Gesellschaft bleiben. Zum einen wurden die wirtschaftlichen Aktivitäten über die Subsistenz hinaus an der Möglichkeit von Handel und Export orientiert. Rund ein Fünftel aller Exiltibeter sind bis heute als Händler und Geschäftsleute selbständig erwerbstätig geworden, und gerade die zahlreichen Klosterstiftungen, wie wir sie in der Umgebung der buddhistischen Heiligtümer der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu finden - wie Bodhnath und Swayambhunath - bestätigen uns, daß sie erfolgreich sind. Das Erziehungs- und Ausbildungssystem hat sich auf die Gegebenheiten der modernen Welt eingestellt, so daß sich die Tibeter in ihren Studien nicht mehr allein auf die altüberlieferten Lehrtraditionen stützen, sondern die Wissenschaftlichkeit westlicher Prägung darin ebenfalls mit einbeziehen. Im „Tibetischen Medizinzentrum" in Dharamsala beispielsweise konzentrieren sich die Ärzte nicht mehr nur auf heilpraktische Tätigkeiten, sondern sie leisten überdies wichtige Forschungsarbeit in der Analyse der chemischen Zusammensetzung der Heilmittel, um sie im Rahmen naturwissenschaftlicher Erkenntnisse einordnen zu können. Die 1959 ins Leben gerufene „Tibetische Musik-, Tanz- und Dramagesellschaft" fördert den Erhalt der traditionellen Folklore, die auch außerhalb religiöser Aktivitäten von einer großen Reichhaltigkeit ist, und bei deren weiterer Entwicklung werden Elemente nicht-tibetischer Kulturen - wie etwa der gastgebenden Aufnahmeländer - gewiß nicht ganz ohne Einfluß bleiben. Gleichfalls ist das Leben der Mönche und Nonnen im Exil vom Dalai Lama reformiert worden, so daß sie heute neben ihren religiösen Aktivitäten auch auf dem Feld arbeiten, so wie es heutzutage eine große Zahl von Mönchen bei ihren Familien im heimatlichen Tibet tun... |
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Die Verbündeten der Dalai Lamas in der Geschichte3. Dalai Lama: Mongolen unter Altan Khan5. Dalai Lama: Mongolen unter Gushri Khan 7-12. Dalai Lama: Mandschu-Kaiserhaus 13. Dalai Lama: Briten in British India 14. Dalai Lama: der Westen |
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| Nach wachsenden Unruhen in Tibets Osten und dem Aufstand von 1959 floh
der Dalai Lama, gefolgt von Zigtausenden, ins indische Exil. Dort hat er
sich seither mit der Exilregierung im nordindischen Himalaya-Städtchen
Dharamsala eingerichtet und versucht durch eine Demokratisierung der Exilgemeinde,
durch Lehre und persönliches Vorbild für die Sache Tibets einzutreten.
Und ist formell Oberhaupt der Regierung. Doch wird seine politische Macht
für gewöhnlich überschätzt. Viel größer
als diese ist sein Einfluß auf die öffentliche Meinung weltweit,
der neben der allgemeinen Sympathie für die Tibeter auf seine lobenswerten
und schönen, politisch jedoch sehr fern liegenden Visionen zurückzuführen
ist. Daß ich diese Ziele für weit in der Ferne liegend, die
Möglichkeit der Umsetzung der Visionen teilweise für „unrealistisch"
halte, liegt zum einen natürlich bedingt an den politischen Verhältnissen
in China und an der politischen Praxis allgemein, zum andern aber auch
an den Widersprüchen, die sich aus den Visionen einerseits und dem
(scheinbaren?) politischen Pragmatismus andererseits ergeben.(1)
An den Visionen des Dalai Lama, in Tibet eine waffenfreie Friedenszone zu schaffen, und seine Heimat in eine Region umzuwandeln, in der nicht nur die Ökologie, sondern auch die fundamentalen Menschenrechte und die demokratischen Freiheiten des tibetischen Volkes (und der anderen Völkerschaften dort wahrscheinlich auch, hoffe ich doch) kann niemand ernsthaft etwas auszusetzen zu haben. So großartig diese Visionen aber sind, so sehr sollte man sich in Erinnerung rufen, daß dies Ziele sind, die die westlich bestimmte Welt sie schon seit langem auf ihre Fahnen geschrieben hat; und daß sie uns wahrscheinlich um so großartiger erscheinen, weil sie keineswegs für den Großteil der Welt um so näher gerückt sind je länger wir darüber redeten. Andere Punkte in des Dalai Lamas „Fünf-Punkte-Friedensplan" sind aus allgemeinmenschlicher Sicht und dem gesunden Menschenverstand nach ebenso verständlich und nachvollziehbar. Für den Leser oder Hörer aber implizieren sie wiederum ein ganz bestimmtes Bild von Vorgängen und der Situation in Tibet, die aufgrund der Informationslage im Westen eindeutig scheinen, aber keineswegs immer so eindeutig sind. Sie suggerieren, daß es bislang in der VR China keinerlei Tendenzen gegeben habe, zumindest in manchen dieser Punkte auf diese Ziele hinzuarbeiten. Nehmen wir beispielsweise die ökologische Situation: während alle Welt China ausschließlich Ausbeutungswünsche unterstellt, wurden in Tibet Beschränkungen in der Forstpolitik gesetzlich verankert, Naturschutzgebiete eingerichtet, die Nuklearfabrik am Kokonor-See, über die im Westen unter der berühmt-berüchtigten Bezeichnung „Neunte Akademie" bis heute berichtet wird, obwohl sie bereits 1987 geschlossen wurde u.a. mehr. D.h. daß die Vision in meinen Augen suggeriert, einem solchen Ziel stünde - mehr oder weniger - ausschließlich die bisherige chinesische Herrschaft entgegen. Sie vernachlässigt den sehr wichtigen Aspekt, daß bereits in diese Richtung eingeschlagene Wege (Ausweisung einer großen Zahl von Naturschutzgebieten im tibetischen Hochland, Umweltgesetzgebung, Maßnahmen zur Eindämmung von exzessiver Abholzung und Überweidung; eine zwar äußerst langsame, aber durchaus auf den Weg gebrachte „Verrechtlichung" des gesellschaftlichen Lebens in der VR China) gerade auch von den Tibetern nicht automatisch angenommen werden. Die ‘visionären Werte’ waren in der tibetischen Bevölkerung niemals in der Art verwurzelt wie es das westliche Tibetbild vermittelt - in Tibet nicht und auch bei den meisten im Exil nicht. Auch nach meiner Meinung klingen die Veränderungen in Tibet/China besser, als sie umgesetzt werden, allerdings werden - ob von der Exilregierung, westlichen Medien oder wem auch immer - derartige Nachrichten bei uns überhaupt oft unterdrückt, statt sich in neuer Art und Weise mit der veränderten Perspektive auseinanderzusetzen. Ich konnte mich in Dharamsala persönlich davon überzeugen, daß viele dieser Veränderungen dort durchaus bekannt sind, zumindest bei einem Teil der Führung. Die Nachricht darüber zu unterdrücken, kann aber nur - wie bei uns - kurzfristigen politischen Zielen dienen und verstellt bei der Weltöffentlichkeit den Blick auf die Probleme, die natürlich nach wie vor existieren, aber völlig anders gelagert sind und deswegen ganz andere Lösungsansätze fordern. Auch ein zwischen Peking und dem Dalai Lama unterschriebener Fünf-Punkte-Plan würde zunächst einmal wenig an Wilderei (2), der durchaus auch Tibeter nachgehen, an Überweidung durch tibetische Nomaden, an der von einer jungen tibetischen Bevölkerung als notwendig empfundenen wirtschaftlichen Entwicklung im westlichen Sinne (!) ändern. Gleichzeitig gibt es aber auch die angesprochenen Probleme, die aber nur mit den Chinesen und nicht gegen sie gelöst werden können. Nehmen wir einmal den zweiten Punkt des im ersten Hinsehen als pragmatisch aufgefaßten „Fünf-Punkte-Friedensplans": die Beendigung der Umsiedlung von chinesischen (gemeint ist: von „rassisch" den Han zugehörigen) Volkszugehörigen nach Tibet. Auch hier ein massives Informationsdefizit. Ungeachtet des Umstandes, daß auch ich die Überfremdung tibetischer Städte in Zentraltibet für ein ernsthaftes Problem halte, ist bei den meisten der Blick darauf verstellt ist, daß inzwischen ein Großteil dieser Chinesen aus eigener Initiative und nicht infolge staatlich gelenkter Umsiedlung dorthin geht. Im Völkerrecht nennt man die Ermöglichung solcher Wohnmobilität „Freizügigkeit", die gerade auch in der Menschenrechtskonvention festgeschrieben ist und innerhalb eines Staates gegeben sein soll. D.h., den Zuzug von Chinesen nach Lhasa zu beschränken, bedeutet, zumindest solange Tibet im chinesischen Staatsverband besteht, eine Forderung nach Beschränkung dieses Menschenrechtes. Kraß gesagt etwa so, wie wenn der Zuzug von Deutschschweizern ins rätoromanische Graubünden beschränkt werden sollte. Damit will ich mich gewiß nicht für das Argument stark machen, hier solle nichts geschehen, aber ich möchte ausdrücken, die Lösung für solche Probleme sind auch hier nicht immer so einfach wie sie aussehen. Ähnliches betrifft die „Millionen" von Chinesen im tibetischen Hochland - eine Zahl, die m.E. außer durch den natürlichen Zuwachs nur dadurch so riesig wird, weil 1. zu Groß-Tibet Gebiete hinzugerechnet werden, die außer vielleicht zur ‘imperialen Zeit’ der Könige Songtsen Gampo und Trisong Detsen vor über einem Jahrtausend kein tibetisches Siedlungsgebiet waren; 2. fast ein Dutzend anderer nationaler Minderheiten, die im und am Rand des tibetischen Hochlandes als „Chinesen" klassifiziert werden (insbesondere die muslimischen Hui und Salar, aber auch die Bao’an, Dongxiang, die Yi und Qiang, Tu, Kasachen und Mongolen, während meines Eindrucks nach die Naxi, Pumi, Moso und Lhopas zwar traditionell eher als Tibeter aufgefaßt, ihre Bevölkerungs-zahlen dann aber doch entsprechend der chinesischen Statistik den „Chinesen" zu gerechnet werden [3]). Sie alle sind keine Han, die wir im Westen als „die Chinesen" bezeichnen, haben ihre Siedlungsgebiete seit Jahrhunderten in den betreffenden Regionen des tibetischen Hochlandes und unterscheiden sich auch sprachlich, kulturell u.a. in vieler Hinsicht sowohl von Han als auch Tibetern. Millionen dieser Angehörigen von nationalen Minderheiten würden in einem Groß-Tibet leben, das die Exiltibeter fordern und von dem der Dalai Lama spricht, nicht aber von diesen Minderheiten. Mit diesem „Minder-hei-ten-problem" wird sich auch niemand auseinandersetzen, solange sich der Westen nicht differenzierend mit dem gesamten tibetischen Kulturraum und seinen aus dieser Komplexität (und eben nicht nur der Politik) resultierenden Problemen auseinandersetzt. Tibet auf dem Gebiet, das die Exiltibeter einfordern, wäre - wie die VR China, ein Vielvölkerstaat, und zwar auch ohne die eingewanderten Han-Chinesen. Daß dies nicht wahrgenommen wird, ergibt sich aus dem Widerspruch zwischen Realität und dem „Mythos Tibet", an dem der Westen so krampfhaft festhält und der von den Exiltibetern - weil er ihren Zwecken zu dienen scheint - gepflegt wird. Ein weiterer wesentlicher Widerspruch wird kaum offenbar, weil der in den letzten Jahren immer deutlicher zutage tretende Pragmatismus - wenn wir die Gesprächsbereitschaft des Dalai Lamas gegenüber den Chinesen einmal so nennen wollen - die lange von ihm ebenfalls vertretenen Maximalforderungen der Exilregierung überdeckt. Wer jedoch die Aussagen Seiner Heiligkeit bei öffentlichen Auftritten aufmerksam mit dem vergleicht, was in der 1990 erschienenen zweiten Autobiographie geschrieben steht, kann diese Widersprüche nicht mehr übersehen. Sie sind teilweise so vehement, daß einem der Verdacht kommen könnte, viele der Zeilen stammen eher aus fremden Federn, sei es von „Beratern" oder exiltibetischen Kreisen als aus dem Munde des Dalai Lamas. Wahrscheinlich muß er teilweise Standpunkte vertreten, die die Exilregierung für die einzig richtigen und möglichen hält, um die tibetische Sache vorwärtszubringen, obwohl sie seinen religiösen Anschauungen widersprechen. Oft auch war schon die Rede davon, daß er sich selbst als einfachen Mönch sieht und sich gerne aus der Politik zurückziehen würde. Für mich ein deutliches Zeichen dafür, daß die angesprochenen Widersprüche ihm zu schaffen machen, da er die genannten Positionen vertritt, um ein Auseinanderbrechen des Konsens in der Exilgemeinde zu verhindern - selbst wenn dabei manche seiner buddhistischen Anschauungen zwangsläufig korrumpiert werden. Das ist allerdings dann das günstigste Szenario, das man zu seinen Gunsten entwickeln kann. Das persönliche Anliegen des Dalai Lamas ist nach seinen Worten die Botschaft, daß nur Gewalt-losigkeit zum Frieden führt und daher mit den Chinesen Frieden geschlossen werden muß - notfalls unter Aufgabe der tibetischen Unabhängigkeit, aber unter Garantie der größtmöglichen Autonomie des ganzen Tibet. Hier hat er die ursprüngliche Vision eines unabhängigen ‘Großtibet’ (das auf die imperiale Zeit aufbaut) aus pragmatischen Gründen auf ein sehr viel realistischer wirkendes Nahziel zurückgenommen. Doch schon dieses Zugeständnis verschafft ihm harsche Kritik „radikaler" Tibeter [4], und vor allem (!) aus den Reihen westlicher Tibetfreunde. Aus diesem Grunde ist die Umsetzung der Vision schon wieder in weitere Ferne gerückt, weil ihm bei Teilen seiner eigenen Anhängerschaft die Unterstützung fehlt. Darüber hinaus werden unter seinem Namen Texte verbreitet (wie seine Autobiographie „Das Buch der Freiheit") in dem die scheinbar aufgegebenen Positionen („ein künftiges freies Tibet", S.398) gleichzeitig mit den neuen Zielen vertreten werden. Für die chinesische Seite macht er sich damit unglaubwürdig, da diese nicht berücksichtigen kann oder will, zu welchen Gratwanderungen er durch seine Rolle als Symbolfigur eigentlich gezwungen ist. Außerdem ist es für jeden neutralen Beobachter fragwürdig, gleichzeitig einander widersprechende Positionen einnehmen zu wollen. Die zunehmende gesellschaftliche Differenzierung unter den Exiltibetern hat den vom Dalai Lama mühsam aufrechterhaltenen Konsens aber schon längst in Frage gestellt. Ein Anzeichen dafür waren und sind die Auseinandersetzungen in der Dorje-Shugden-Frage [5], die von Teilen der Gesellschaft dem Dalai Lama angelastet wurden. Es ist jedoch kein Wunder, daß die Spannungen innerhalb einer Gesellschaft zunehmen, die sich in erster Linie als Hüterin der Tradition und somit in erster Linie konservativ zeigt, bei gleichzeitiger Aufnahme moderner Konzepte (Demokratie) und dem Umstand, ständig dieser westlich geprägten Welt ausgesetzt zu sein. Der Widerspruch, den der Dalai Lama hier verkörpert, ist somit mehr von seiner Umwelt und den Erwartungen, die sie an ihn heranträgt verkörpert, als durch seine eigene Haltung, die vor dem unlösbaren Problem steht, extrem konservative und progressive oder moderne Elemente in sich zu vereinigen: aus der konservativen Tradition heraus ist ihm die Rolle eines geistigen und politischen Führers auferlegt und gleichzeitig sind ihn die Moderne als demokratisch legitimiertes Oberhaupt der Exilregierung. Dabei wird vom oft so aufmerksamen Westen übersehen, daß religiöse Hierarchien nirgendwo nach demokratischen Spielregeln entschieden werden, daß Religion per se eher undemokratisch ist. Hier muß der Dalai Lama selbst bei bestem eigenen Willen zwangsläufig in Konflikte und in die Schußlinie geraten, wie es auch im Falle Dorje Shugdens geschehen ist.[6] Das demokratische Selbstverständnis unserer eigenen Länder hegt keinerlei Zweifel, daß Politik und Religion auseinandergehalten werden müssen, bei der demokratischen Verfassung der Exiltibeter mit ihrem religiösen Führer Dalai Lama an der Spitze akzeptieren wir dagegen die Quadratur des Kreises. Darüber erzeugen auch religiös-doktrinäre Fragen Spannungen im Exil. Die heutzutage vom Dalai vertretene „Ideologie" des tibetischen Buddhismus rührt nicht zuletzt von der Auseinandersetzung mit dem sog. „buddhistischen Modernismus" her, einer Neuinterpretation des Buddhismus als eine im wesentlichen rationale Religion, die Vorstellungen der Art, daß er eine natürliche Grundlage für die unterschiedlichsten sozialen Reformen biete, an ihn knüpft. Entstanden aus der engen Verbindung mit dem Antikolonialismus und Nationalismus, der sich vor allem in den ehemaligen britischen Kolonien Südasiens entwickelt hatte, ist diese Interpretation nicht originär tibetisch, sondern hat erst nach dem Gang ins Exil auf die Tibeter, insbesondere die tibetische Geistlichkeit, zu wirken begonnen. Diese hehren Ziele eines neuen, in seinen Zügen bereits veränderten tibetischen Buddhismus vertritt der 14. Dalai Lama offiziell, ohne daß die Mehrzahl der Gläubigen ihm hierin gänzlich folgt. Wenn daher in unseren Medien manchmal davon berichtet wird, daß manche junge Tibeter „inzwischen" gewaltbereit seien und einen bewaffneten Befreiungskampf um Tibet zu eröffnen bereit sind, liegt dies nicht daran, daß sie von alten, vom Dalai Lama vertretenen Idealen abfallen; nein, die Gewalt ist in der tibetischen Geschichte nichts Neues, auch wenn viele im Westen dies nicht wahrhaben wollen. So hat wahrscheinlich auch der Umstand, daß sich der Dalai Lama von der religiösen Praxis um Dorje Shugden distanziert hat, mindestens bei Exiltibetern in Südindien auch zu gewalttätigen Ausschreitungen gegen manche Dorje-Shugden-Anhän-ger (oder von deren Seiten) geführt. Von vielen Getreuen im Westen jedoch wird der ganz wesentliche Punkt übersehen, daß mit neuen Werten auch Vorstellungen Eingang ins tibetisch-buddhistische System gefunden haben, die von den historischen politischen Traditionen Tibets grundverschieden sind. Vor allem auf der alltäglich-praktischen Ebene, denn entgegen den hehren weltanschaulichen Ansprüchen der Reli-gion war der Buddhismus in Tibet ja in hohem Maße politisch, da er das politische Alltagsgeschäft bestimmte. Dieser Umstand wird bei den Exiltibetern weniger deutlich, zumal der Dalai Lama zwar eigentlich das geistige und weltliche Oberhaupt darstellt, aber mehr als Integrationsfigur denn als Machthaber wirken will. Gleichzeitig wird die tibetische Gesellschaft Veränderungen unterworfen, die durch die Auseinandersetzung mit dem westlichen Tibet-Bild ausgelöst wurden. Der Westen nämlich sieht im Dalai Lama das geistliche Oberhaupt aller Tibeter; tatsächlich aber war im alten Tibet zwar der politische Führer und ein hoher geistlicher Würdenträger, rein formell aber nicht einmal der geistliche Führer des Gelugpa-Ordens (dies ist der Ganden Trizin), geschweige denn jener aller tibetischer Buddhisten. Da dies der tibetischen Sache im Exil zu dienen scheint, existieren nun Tendenzen, ihn zu dem zu machen, wofür der Westen ihn hält (und was der „Große Fünfte" Dalai Lama bereits umzusetzen begonnen hatte), und was neue Widersprüche in der tibetischen Gesellschaft auszulösen geeignet ist. Auf diese Weise wird der Dalai Lama zum Sündenbock für (fast) alle, die anders als er denken: für die chinesische Führung, die eigene Fehler nicht wahrnehmen will, allemal, für gewaltbereite Traditionalisten und natürlich die von ihm abgelehnten Dorje-Shugden-Anhänger. Welche Ironie, daß gleichzeitig auch noch die Meinung vertreten wird, der Dalai Lama strebe die „Weltherrschaft" als Chakravartin an! Nun hat man wieder einmal die Wahl zwischen den allergrößten Extremen: bescheidenes Opfer oder schlimmer Täter. Und statt sich mit diesen Meinungen kontrovers auseinanderzusetzen, um der Sache, warum eigentlich solche extremen Meinungen aufkommen können, auf den Grund zu gehen, wird wahrscheinlich wieder mit gleicher Münze ‘heimgezahlt’. Wenn jedoch die verschiedenen Gemeinschaften - und da sind wir als ‘der’ Westen ebenso gefordert - nicht endlich lernen, auch über die massivsten Meinungsverschiedenheiten, die größten Probleme offen zu reden, anstatt alles immer nur auf die Haltung „Da stecken mal wieder die Chinesen dahinter!" zu reduzieren, tut niemand der exiltibetischen Gesellschaft einen Gefallen. Nun wird der Dalai Lama im Westen schon so lange bewundert, und doch hat kaum jemand die an ihm bewunderte Fähigkeit (die er auf Druck von Seiten seiner Exilregierung nicht voll umsetzen kann) - zu integrieren, statt zu polarisieren - zu lernen versucht. Und solange die Situation so bleibt, werde ich glauben, daß die in der Öffentlichkeit kundgetanen Visionen des Dalai Lamas keine realistische Chancen haben. Wir konnten ja in den letzten Jahren leider erleben, wie sich die Fronten mit Beijing weiter verhärtet haben, und das hat auch mit der polarisierenden Herangehensweise des Westens zu tun, und zwar nicht der Politik, sondern gerade auch eines beträchtlichen Teils der tibetfreundlichen Öffentlichkeit, die China zu ‘dämonisieren’ versucht. Viele der Vorgänge in jüngster Zeit in Tibet, die wieder zunehmende politische Repression durch chinesische (bzw. chinesisch-tibetische) Behörden kann und darf nicht gerechtfertigt werden. Doch man muß auch einmal aussprechen dürfen, daß die Art, wie die chinesische Seite ‘dämonisiert’ wird, hieran sicher auch nicht ohne Schuld ist. Und hier tragen exiltibetische Körperschaften und westliche Scharfmacher m.E. die meiste Verantwortung. Diese ‘Dämonisierung’ Chinas, die letztlich von der Seite der betroffenen im Reich der Mitte ebenso mit der Person des Dalai Lamas verbunden wird, so wie der Westen alles Positive in ihn hineinprojiziert, macht letztlich das visionäre Ziel eines einigen, unabhängigen und friedlichen Tibet unmöglich. Solange nicht wir - statt des Dalai Lamas - uns bewegen, glaube ich zudem, daß auch durchaus mögliche Verbesserungen in immer noch problematischen Bereichen blockiert, wenn nicht gar verhindert werden. Ich hoffe, es ist deutlich geworden, daß meine Meinung, die Visionen des Dalai Lamas seien zur Zeit sehr irrational, nicht nur mit ihm, sondern auch viel mit den Verhältnissen im Exil, in Tibet selbst - früher und heute - aber gerade auch mit uns im Westen zu tun hat, mit unserem teilweise selbst erschaffenen Tibetbild. Andreas Gruschke
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| [1] Um nicht falsch verstanden
zu werden, möchte ich noch vorab betonen, daß dies keinerlei
Bewertung der Visionen des Dalai Lamas und der Ziele der Exiltibeter bedeuten
soll, sondern eine Beurteilung der politischen Situation, die sich daraus
ergeben hat sowie meiner durchaus persönlich motivierten Suche nach
eventuellen Lösungen des Tibet-Problems. Die meisten meiner Argumente
kann ich aus Platzgründen hier leider nicht ausführen, weshalb
ich auf manche meiner eigenen Artikel verweisen muß. Bei Aufforderung
kann ich jedoch die eine oder andere Problematik später genauer ausführen.
[2] Vgl. meinen Artikel „Changthang - Nationalpark auf dem Dach der Welt" und „Überwachung als eines der grössten Probleme", in: Tibet aktuell, Nr. 54, Januar 1998, S. 8-10 [3] Vgl. meinen Artikel „Demographie und Ethnographie im Hochland von Tibet", in: Geographische Rundschau, 49 (1997), Heft 5, S. 279-286 bzw. entsprechende Kapitel in „Tibet. Weites Land auf dem Dach der Welt", Freiburg 1993. [4] Allerdings gibt es auch Gerüchte aus Dharamsala, daß der Dalai Lama selbst den Präsidenten des Tibetan Youth Congress zur Einnahme eines ‘hard-liner’-Standpunktes aufgefordert habe. [5] Vgl. meinen Artikel „The Dorje Shugden issue: A changing society’s clash with stereotyped perceptions", in: Tibetan Review, vol. XXXIII No.10 (October 1998), pp.15-19. [6] a.a.O. |
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